Moderne Sklaverei bleibt ein Problem – Teil 2

Ende Oktober wurden 39 Leichen in einem Kühllastwagen in Essex, England entdeckt. Es war schnell klar, dass diese Menschen ins Vereinigte Königreich geschmuggelt werden sollten, wodurch die Diskussion um Menschenhandel und moderne Sklaverei erneut ausbrach. Eine App und Wachsamkeit der Bevölkerung sollen im United Kingdom Abhilfe schaffen.

Dieses tragische Ende für einen Teenager und 38 Erwachsene ist nur die Spitze des Eisbergs. Menschenhandel und Zwangsarbeit sind alltäglich. Die BBC berichtete Anfang des Jahres über einen Rumänen, der im Nordwesten Englands bei einem Handwäscheunternehmen landete. „Wir arbeiteten ohne Pause. Von 8:00 Uhr morgens bis 18:30 Uhr am Abend ging es non-stop durch. Egal, ob bei Sonnenschein, Regen oder Schnee.“ Persönliche Schutzausrüstung, selbst Handschuhe wurden den Arbeitern nicht zur Verfügung gestellt. Drohungen, wie die Aussicht, dass das Gehalt bei schlechter Arbeit nicht gezahlt würde, gehörten zum Alltag. Letztlich hat der rumänische Arbeiter in drei Monaten 300 britische Pfund verdient.

Safe Car Wash

Um diesen Machenschaften auf den Grund zu gehen und die Menschen aus diesen furchtbaren Situationen zu befreien, wurde im letzten Jahr die „Safe Car Wash“-App von der Church of England, der katholischen Kirche und der Clewer Initiative ins Leben gerufen. Sie soll nicht nur mehr Bewusstsein für das Problem der modernen Sklaverei in der Bevölkerung schaffen, sondern auch die Hemmschwelle für Zivilcourage sinken. Ein Unterfangen, das bisweilen durchwachsenen Erfolg zeigt.

Zwischen Juni und Dezember 2018 wurden darüber über 2200 verdächtige Beobachtungen gemeldet. In 40 Prozent der Fälle, was immerhin 930 Einträge zu diesem Zeitpunkt im Ganzen ausmachte, wurde den Nutzern mitgeteilt, dass sie es vermutlich mit einem Unternehmen zu tun haben, dass moderne Sklaverei betreibt. Die App teilte diesen Nutzern daraufhin die Nummer der „Modern Slavery Helpline“ mit. Aber nur 18 Prozent der Nutzer wählten auch die Nummer.

Funktionsweise

Die App stellt den Nutzern einige Fragen, um die Wahrscheinlichkeit eines kriminellen Unternehmens einschätzen zu können. Indikatoren, die für moderne Sklaverei sprechen, werden explizit abgefragt. So können Nutzer ihre Beobachtungen bspw. über die Arbeitskleidung und Unterkunftsgegebenheiten einschätzen. Sind zum Beispiel Wohnwagen oder Matratzen auf dem Gelände sichtbar, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für ein ausbedeutendes Unternehmen.

Bekommt ein Nutzer die Meldung, dass es sich möglicherweise um einen modernen Sklaverei-Betrieb handelt, wird er auch gleichzeitig gewarnt, nicht selbst in die Situation einzuschreiten. „Für ihre und die Sicherheit der Arbeiter bitten wir Sie, die Arbeiter nicht auf die Situation anzusprechen oder einzugreifen.“ Dieser Warnhinweis ist gleichzeitig auch ein wichtiges Indiz dafür, mit welcher Brutalität die Menschenhändler vorgehen und welche ihre bevorzugte Zielgruppe ist.

Gefährdet

Menschen mit psychischen Problemen ausgelöst durch zerrüttete Familien und Partnerschaften, aus anderen Kulturen, in denen die Polizei weniger vertrauenswürdig ist oder Immigranten, die aus welchen Gründen auch immer Probleme bei der Einwanderung haben: Diese Menschen stellen eine große Chance für die Menschenhändler dar. Nicht nur, weil sie oftmals weniger vermisst werden, sondern auch, weil sie sich durch ihre Labilität eher empfänglich würde die Angebote der Kriminellen sind. Mark English, tätig in Norfolk und betraut mit der Bekämpfung von Menschenhandel und Kriminalität, weiß, dass selbst gerettete Opfer noch ein enormes Risiko haben, wieder in die Fänge der Menschenhändler zu gelangen. „Die Drahtzieher reagieren auf die Verwundbarkeit des Einzelnen. Ohne Unterstützung und soziale Kontrolle geraten Einzelgänger schnell wieder in die Sklaverei.“

Der Fokus auf die geretteten Opfer ist tatsächlich nur ein Teil der Schutzmaßnahmen, die erforderlich sind, um der Gewalttätigkeit der Menschenhändler zuvorzukommen. Denn diese schrecken auch nicht davor zurück, den zurückgebliebenen Familien im Heimatland der Opfer Schaden zuzufügen. Auch das ist ein Faktor, den viele Opfer dazu verleitet, in der Sklaverei zu verbleiben oder zu ihr zurückzukehren, um die Familie zuhause zu schützen. Donovan ist daher davon überzeugt, dass ein „Sicherungsplan“ für Opfer erstellt werden muss. Sowohl für die Sicherheit des Sklaverei-Opfers selbst als auch für die Sicherung, dass er nicht mehr zurück in den Kreis der Sklaverei fallen kann. „Es ist unglaublich, dass es das im England des 21. Jahrhunderts noch gibt. Es sind gemeinsame Anstrengungen auf nationaler Ebene erforderlich, um dieses Phänomen zu bekämpfen. Gefährdete Personen müssen geschützt werden. Das Drama in Essex muss als Weckruf dienen und sicherstellen, dass wir Menschenhändler hart bekämpfen. “

Autor: Eva Heuft

Eva Heuft, studierte Germanistin und Anglistin, arbeitet als Redakteurin für das CarwashPro Magazin.

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